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Wie alles begann...

Cantus Wirena, der Wehrheimer Chor mit diesem prägnanten und vermutlich weltweit einzigartigen Namen, hieß nicht immer so. Bei der Gründung im Jahre 1842 war es noch nicht modern, sich einen besonderen Namen zu geben. Eine Vereinigung (heutzutage ist eher der Begriff Verein gebräuchlich) zu gründen, dagegen schon. Und so wurde der damalige Chor einfach auf „Sängervereinigung 1842 Wehrheim“ getauft. Wobei… so ganz stimmt das wohl nicht mit dem Gründungsjahr im Namen. Beim Blick in die Annalen ist von einer vielbeachteten Gesangsdarbietung am 30. Januar 1842 im Gasthaus „Zur Krone“ des erst seit zwei Monaten (also bereits Ende 1841) bestehenden „Singverein Wehrheim“ die Rede. Als Gründer gilt der damalige Usinger Amtmann Fritz Emminghaus, nach dem übrigens in Usingen auch eine Straße benannt ist.

Der erste Direktor, Lehrer Philipp Konrad Datz, lud für den 14. August 1842 zu einem Sängerfest in den „schönen Buchenwald am Taubenkröpfchen“ ein. Dieses gemeinsame Fest im Freien zwischen Wehrheim und Usingen der Gesangvereine von Königstein, Oberursel, Anspach, Usingen und eben auch Wehrheim, sei das herausragende Ereignis im Jahre 1842 gewesen, so die Überlieferung. Solche Gesangsfeste waren schließlich im 19. Jahrhundert noch etwas Neues, ja geradezu Revolutionäres. Im 19. Jahrhundert setzte eine Gründungswelle von Vereinen, insbesondere von Männergesangvereinen ein. Sie waren damals, ähnlich wie die nun auch zahlreich entstehenden Turnvereine, oft politisch motiviert. In ihnen organisierte sich das aufstrebende und nach nationaler Einheit Deutschlands verlangende Bürgertum. Deshalb wurden viele Vereine von der Obrigkeit kritisch beobachtet. Es kann also durchaus als mutig und innovativ gewertet werden, wenn bei dem Sängerfest auf dem „Taubenkröpfchen“ sich nicht nur hunderte Sänger trafen, sondern auch noch solch „aufrührerisches“ Liedgut, wie „Brüder reicht die Hand zum Bunde“ gesungen wurde, um den Wunsch nach einem geeinten Deutschland zum Ausdruck zu bringen.

Aber es waren keine politischen Gründe, weshalb der „Singverein Wehrheim“ seine Tätigkeit 1855 für einige Zeit ruhen lassen musste. Vielmehr waren es rein pragmatische Gründe, denn Dirigent Datz wurde versetzt und die Sänger waren somit chorleiterlos. Auch wenn damals sich einige Gesangvereine gründeten, so waren Dirigenten doch Mangelware (das ist auch heute noch so). Ob aus der Not eine Tugend gemacht wurde oder die gemeinsamen politischen Ziele sie zusammenführte, ist nicht bekannt, überliefert ist aber, dass sich im Zuge der Gründung des Wehrheimer Turnvereins (heute TSG Wehrheim) im Jahre 1861 die Sänger mit den Turnern zusammentaten und es im Turnverein eine Gesangsriege gab.

Scheinbar passte Singen und Turnen dann doch nicht ganz so gut in einem Verein zusammen, denn bereits zwei Jahre später, also 1863, machten sich die Sänger wieder unabhängig und es entstand der Gesangverein „Sängerkranz“. Leider ist aus jener Zeit wenig überliefert, sodass an dieser Stelle nichts über die damaligen Dirigenten oder andere Besonderheiten berichtet werden kann. Erst ab 1890 haben die Schriftführer teilweise die Ereignisse protokolliert.

Trotzdem lohnt auch hier der Blick auf den damaligen Namen: Aus „Singverein Wehrheim“ oder „Sängervereinigung 1842 Wehrheim“ wurde „Sängerkranz“, was in damaliger Zeit durchaus als Modename bezeichnet werden kann, viele andere Gesangvereine gaben sich damals diesen Namen. Aber der Volksmund hat oft seine eigene Version, vor allem wenn es ich um Lokalkolorit handelt. So nannten die Wehrheimer den Gesangverein inoffiziell „Butterweck-Verein“ und das hatte nicht etwa mit einer Verköstigung von Butterstullen zu tun, vielmehr zeigte es die Dominanz der vielen Mitglieder mit dem gemeinsamen Familiennamen Butterweck.

Einen weiteren Umbruch erfuhr der Gesangverein dann 1920. Es habe wohl Differenzen mit dem damaligen Vereinswirt gegeben, weshalb man beschloss, sich ein anderes Vereinslokal zu suchen. Aber nicht alle Mitglieder wollten hier mitziehen und so kam es zu einer Abspaltung, es gründete sich ein Parallelverein mit dem Namen „Harmonie“. Ob dieser Name gerechtfertigt und „Programm“ war, ist wiederum nicht überliefert. Zumindest aber war wohl die Koexistenz des „Sängerkranz“- und des „Harmonie“-Vereins recht harmonisch, immerhin ging es letztlich ja um die Freude am Singen. Und das war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wohl so beliebt, dass sich in dem aufstrebenden Vereinswesen in Wehrheim sogar ein dritter Gesangverein tummelte.

Der hatte sich schon im Jahre 1892 aus dem „Club Humor“ (einem Karnevalsverein) heraus gegründet und nannte sich „Eintracht“ (auch so ein damaliger Modename). Vom Gesangverein „Eintracht“ ist nicht viel überliefert, außer dass der langjährige (von 1911 bis 1928) Vorsitzende Albert Allendörfer das Wesen des Vereins wohl sehr geprägt haben muss, auch noch in seiner Zeit als Alterspräsident bis zum Zusammenschluss aller drei Vereine 1933.


Aus Drei mach Eins…

1933 war in Deutschland der Beginn einer alles verändernden Zeit und das bekamen auch die drei Gesangvereine in Wehrheim zu spüren. „Sängerkranz“, „Eintracht“ und „Harmonie“ hatten bis dahin mit Konzerten, Theater- und Operettenaufführungen sowie Tanzveranstaltungen einen großen und regen Anteil am kulturellen Leben in Wehrheim. Und sicherlich hätte die Vielfalt noch gut und gerne so weitergehen mögen, doch auf Druck der Nationalsozialisten mussten sich die drei Gesangvereine zu einem zusammenschließen. Der neue Name lautete „Sängervereinigung Wehrheim 1863“. Der Grund, warum denn nun nicht mehr 1842 im Namen auftaucht, sondern 1863, also das Gründungsjahr des „Sängerkranz“, ist heute nicht mehr so genau zu ermitteln. Vermutet wird, dass man sich 1933 nicht mehr daran erinnerte, seit wann es die „Sängervereinigung“ gab beziehungsweise welche Wandlungen es bei den Gesangvereinen gegeben hatte. Übrigens hat diese missverständliche Jahreszahl in späteren Jahren für Verwirrung bei den zu feiernden Jubiläen geführt. Lange dachte man, die „Sängervereinigung“ sei erst 1863 gegründet worden, in Wirklichkeit handelt es sich durch die Gründung Ende 1841 um den ältesten Wehrheimer Verein.

Der befohlene Zusammenschluss der drei Gesangvereine hatte zur Folge, dass etliche Sänger damals aus Verärgerung darüber austraten oder sich nur noch als passives Mitglied registrieren ließen. Trotzdem seien beim ersten großen Fest der „Sängervereinigung“ mit Fahnenweihe im Jahre 1938 immer noch rund 75 Aktive auf der Bühne gewesen, wie aus der damaligen Berichterstattung zu entnehmen ist. Dirigent war Karl Maurer, der zuvor die „Harmonie“ musikalisch geleitet hatte und als erstklassiger Fachmann galt. Vorsitzender war Fritz Lotz, bis 1943 Ernst Velte den Vorsitz (bis 1970) übernahm. Zwar war durch den Krieg an ein reges Vereinsleben nicht zu denken, doch ganz aufgeben war auch keine Option und so ging es nach Kriegsende wieder weiter. Allerdings hatte der Krieg große Lücken nicht nur in die Familien geschlagen, auch die Vereine waren stark dezimiert. Im Falle der „Sängervereinigung“ seien es 21 Männer gewesen, die nicht mehr nach Wehrheim zurückgekehrt waren, berichten die damaligen Protokolle.

Und dann kamen die Frauen dazu…

Waren bis dato die Frauen vom Vereinsleben vollkommen ausgeschlossen, außer vielleicht als Küchenhilfen unsichtbar im Hintergrund, so hatte sich nach dem Krieg die Gesellschaft stark verändert – verändern müssen, denn zu viele Männer hatten schließlich ihr Leben verloren oder waren in Gefangenschaft geraten, die Frauen wuppten oft sämtliche Aufgaben allein. Es gab also keinen Grund mehr, sie nun weiterhin aus dem Vereinsleben auszuschließen.

Zumal sich bereits 1930 ein eigenständiger Frauenchor (unter Hauptlehrer Manneschmidt) gegründet hatte. Auf Initiative Ernst Veltes hin, schloss sich der Frauenchor 1946 der „Sängervereinigung“ an. Seither ist aus dem reinen Männerchor ein gemischter Chor geworden und aus heutiger Sicht war dies eine weise, vor allem aber die zukunftsweisendste Entscheidung.

Falsche Jubiläen oder wie aus vier Jahren 25 werden…

Es liegt in der Natur eines Gesangvereins, jede Gelegenheit zum Singen und für musikalische Auftritte zu nutzen. Und da bieten sich die eigenen Jubiläen geradezu an. Nur hatte sich durch den neuen, aber ähnlich klingenden Vereinsnamens ein falsches Gründungsjahr ins Bewusstsein gedrängt. Zur Erinnerung: Das Gründungsjahr 1842, das lange im Namen geführt wurde, war durch den 1933 vollzogenen Zusammenschluss der drei bis dahin unabhängigen Gesangvereine gegen ein anderes Gründungsjahr ausgetauscht worden, weshalb aus „Sängervereinigung 1842“ nun „Sängervereinigung 1863“ geworden war. So hatte man bereits 1938 (also nur fünf Jahre nach dem Zusammenschluss) fälschlicherweise ein 75-jähriges Bestehen gefeiert. Auch das vermeintliche 90. Jubiläum, das im Juni 1953 groß gefeiert wurde, fand eigentlich zu einem falschen Zeitpunkt statt.

Aber egal, das Sängerfest war trotzdem ein großer Erfolg und war übrigens das letzte, das an dieser historischer Stätte am Krausbäumchen gefeiert wurde. Zehn Jahre später, also 1963, wurde das vermeintliche hundertjährige Jubiläum auf dem einstigen Sportplatz am Hebestumpf gefeiert. Zu diesem (vermeintlichen) hundertjährigen Jubiläumsfest bot die „Sängervereinigung“ einhundert Sängerinnen und Sänger auf, so viel wie nie zuvor. Übrigens hatte im selben Jahr, durch die Recherche des Verlegers Klaus Wagner aus den Quellen der Heimatzeitung, dessen Herausgeber er war, eindeutig belegt werden können, dass die „Sängervereinigung“ schon viel älter war, als durch den Namen vermutet. So kam es, dass man schon vier Jahre nach dem hundertjährigen Jubiläum das 125-jährige feiern konnte. Man muss die Feste halt feiern, wie sie fallen. Damit diese aber zukünftig den richtigen historischen Bezug haben sollten, benannte man sich erneut um, diesmal wieder mit dem ursprünglichen Gründungsjahr, wenn man vom tatsächlich frühesten Gesangverein in Wehrheim ausgeht.

Cantus Wirena ist geboren…

Jede Zeit wird geprägt von bestimmten Personen. So auch beim Gesangverein „Sängervereinigung 1842 Wehrheim“. Hier brachte 1992 der neue Chorleiter Mark Opeskin frischen Wind in den gemischten Chor und das wollte man auch mit einem neuen, frischen Namen dokumentieren. Seit 1996 also heißt der Chor nun „Cantus Wirena“ und ist inzwischen zu einer richtigen Marke geworden, die für höchstes gesangliches Niveau und ein umfangreiches Repertoire aus der anspruchsvollen Chorliteratur steht.

Mit dem ans Lateinische angelehnte Wortspiel (cantus – lat. für Gesang, Ton, Klang, Melodie, Wirena – Wehrheim) wird ein einmaliger Name kreiert, der sowohl die historische Tradition, auch in Bezug auf die nun verstärkte Ausrichtung des Repertoires an Alte Musik mit den alten Werken alter Meister, als auch die Eigenständig- und Einzigartigkeit transportiert. Mit der Verwandlung von „Sängervereinigung“ zu „Cantus Wirena“ kommt ein neues Chor-Gemeinschaftsgefühl auf. Auch wenn der frische Wind bereits Anfang der 90er Jahre begonnen hatte, so ist von diesem frischen Spirit bis heute noch nichts eingebüßt. Einen großen Anteil daran hat sicherlich Chorleiter Mark Opeskin, weshalb ihm ein eigenes Kapitel auf dieser Homepage gewidmet ist.

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